Trage ich als Femme Lesbe eine gesellschaftliche Verantwortung?

Homosexuelle Männer machen es schon seit über einem Jahrzehnt vor: sie zeigen wie „normal“ sie sind. Sie sind Politiker, Väter, „echte“ Männer, höfliche Anwälte, taffe Kindergärtner. Schwule haben dafür gearbeitet: Durch kontinuierliche öffentliche und selbstbewusste Präsenz weiß heutzutage jeder, dass Schwulenklischees Klischees sind. Die Frau, die in dieser patriarchalen Welt lebt, nutzt oft die Deckung der Heteronormativität um sich in dieser Gesellschaft leichter zu bewegen. Damit tragen sie unweigerlich zur Stärkung der lesbischen Klischees bei, denn nur die Klischeelesben werden als solche wahrgenommen, welches an sich kein Problem wäre, wenn dann die Anzahl und Belange von uns Lesben nicht komplett unterschätzt würden. Dass die schöne Kollegin, die modebewusste Bekannte, die kluge Kommilitonin oder die immer Highheels tragende Genossin eine queere/ lesbische Frau sein könnte, kommt so den wenigsten in den Sinn.
Können wir es diesen Menschen verübeln?


Selbstidentifizierung als Femme

Der Grund meines langwierigen Coming-Outs ist schön und deprimierend zugleich. Denn ich bin so ein richtiges Mädchen. Eine 1.80 große Blondine mit Nagellack.
In der Kleinstadt, in der ich lebte, gab es genau zwei (sichtbare) Lesben, die selbst bei mir kurz die Frage weckten, ob sie es nur deshalb miteinander taten, weil kein anderer es wollte. Und in den Medien gab es Hella von Sinnen. Nichts gegen die gute alte Hella, aber für mich persönlich eignete sie sich nicht als Identifizierungshilfe zur Selbstfindung.

Wenn in deiner Welt Lesben nur kurzhaarige Butches sind und du zumindest äußerlich nicht diesem Bild entspricht, dann ist es als junger Mensch fast unmöglich dich dort einzureihen.
Nachdem mich meine Gedanken und Gefühle einholten – besser gesagt von vorne an die Wand drückten – und mich aus meiner feinen kleinen Heteronormativität heraus rissen, sah ich mich immer noch demselben Problem gegenüber: Ich sehe auch wie eine Hetera.
Bin ich eine „richtige“ Lesbe? Gibt es Frauen, die auf solche wie mich stehen? Ist es in Ordnung, wenn ich auch eine feminine Freundin will? Ich verwechselte, wie so viele in unserer Gesellschaft, Gender Attraction – welches Geschlecht mich anzieht – mit Gender Expression – wie drücke ich mich aus und wie ziehe ich mich an.
Ihr  könnt mich gerne als naiv und unwissend bezeichnen, aber beigetragen zu diesem Fragenwirrwarr haben auch die Szene-Partys. Natürlich gibt es dort mittlerweile mehr feminine Frauen als früher, aber wenn dich die Türsteherin fragt, ob du hier richtig seist oder bei Lesarion jede zweite Frage lautet „Stehst du wirklich auf Frauen?“, du auf Parties nicht einmal angetanzt oder ein Bier ausgegeben bekommst, dann fragst du dich halt, ob mit dir alles richtig ist..
An einem dieser Nachmittage suchte ich das Internet nach „femininen Lesben“ und fand die Definition von „Femme“.
Was für eine Erleichterung! Ich bin doch nicht das letzte und einzige Einhorn! Das ist also schon mal geklärt.


Xenophobe Bewegungen unserer Gesellschaft

Die Akzeptanz in Deutschland steigt. Ist aber immer noch nicht vollwertig rechtlich oder gesellschaftlich angekommen. Die Suizid- und Depressionsrate für LGBTIQ Jugendliche ist immer noch viel zu hoch. Im Zuge der schrecklichen xenophoben Bewegungen der letzten Monate (Trump und AfD reichen schon), habe ich die interessante Feststellung gemacht, dass gerade immer dort die „Angst“, Vorurteile und Hass besonders groß sind, wo die Berührung mit dem „Angstobjekt“ gering ist.

Unsere Realität nennen „Besorgte Bürger“ GAGA

Achtung: Generalisierung: Im Osten haben sie Angst vor der Islamisierung, Arbeitslose haben Angst, dass Migranten ihnen die Jobs wegnehmen und „besorgte“ Eltern haben Angst, dass Homosexuelle ihre Kinder aufklären (und homosexuell machen).

Stoppt Gender-Ideologie und Frühsexualisierng

Abgesehen von Bildung, könnte eine mögliche Therapie der Kontakt mit dem entsprechenden Angstobjekt sein.
Die besorgten Eltern wissen natürlich, dass es LGBTI-Menschen gibt und wenn man in der Stadt ein wenig die Augen offen hält, dann sieht man sie auch überall: die kurzhaarigen Butches mit Fußballergang und Sonnenbrille auf der Nase. Leider verkennen homophobe Menschen den Unterschied zwischen Butches und Transmännern. In ihren Augen wollen maskuline Frauen lieber Männer sein.

Hier setzt mein Gedanke von der gesellschaftlichen Verantwortung von Femmes ein:

Wir sollten selbstbewusst mit unserer Homo- oder Bisexualität, auch unserer Queerness umgehen. Nur so können wir der Gesellschaft zeigen, dass es keinen Zusammenhang von sexueller Orientierung und gefühltem Geschlecht gibt. Nur so können – in den Augen der Homophoben – „normale“ weibliche queere Frauen Brücken bauen.

Mit diesem Text will ich nicht sagen, dass maskuline/androgyne Frauen keinen Teil zu Akzeptanz beitragen können. Ich will euch auch nicht unter den Zwang eines Dauer-Outings setzen. Niemand sollte sich für andere verpflichtet fühlen.
Ich fordere aber mehr Mut, Selbstbewusstsein und Tatendrang in outingfähigen Situationen. Ob eine Situation mit den beteiligten Menschen outingfähig ist, teste ich mit einer kleinen Gewissensfrage: würde es um Rassismus, Sexismus, Ableismus, Lookismus, Fat- oder Slutshaming, sowie jeder anderer Form von Feindlichkeit gehen, würde ich freundlich aber bestimmt gegenhalten? Würde ich mit diesen Menschen weiter Zeit verbringen wollen/müssen, wenn sie sich rassistisch äußerten?Nein? Dann sagt etwas, zeigt euch, steht zu euch, eurer Minderheit und Community!


Dein Platz als Femme in der Gesellschaft

Ich glaube, dass dem besorgten Elternteil und der Gesellschaft nicht immer nur die Unterschiede vorgehalten werden sollten. Denn Annäherung funktioniert am besten auf der Basis von Gemeinsamkeiten und das ist der Punkt, an dem ich die Femmes dazu aufrufe, sich in der Mitte der Gesellschaft zu zeigen um als Botschafterinnen für uns alle zu fungieren.
Wird dir Heterosexualität unterstellt, kläre auf, zeige dich händchenhaltend und zerstöre so allein durch deine Existenz und Sichtbarkeit verankerten Klischees.
Du könntest der Grund für eines Sinneswandel und das Hinterfragen von Klischees sein. Du könntest die Menschen und die Gesellschaft zu einer toleranteren und somit freieren erheben.
Ich weiß, dass bedeutet Mut. Du solltest mit dir im reinen sein und über ein liebevolles wie unterstützendes soziales Umfeld verfügen. Wenn du dir dahingehend sicher sein kannst, dann bitte ich dich, dich zu erheben, dich zu zeigen. Tue, was uns die besorgten Eltern doch ohnehin schon lange vorwerfen: Betreibe die „Gay Agenda“: Zeige ihnen deine Homosexualität und Queerness !

Du kannst nicht erwarten, dass sich die Gesellschaft von alleine ändert und auch nicht, dass andere deinen Kampf ausfechten. Dein Schlachtfeld ist dein soziales Umfeld, welches du durch Aufklärung zu einem LGBTI freundlicheren Ort machen kannst. Für dich und für andere.

Vielen Menschen fällt es leichter LGBTI zu akzeptieren, wenn sie Ähnlichkeiten statt Unterschiede sehen. In unserer Gesellschaft läuft leider vieles über Äußerlichkeiten: liebe Femmes mischt euch unter die Leute, klärt sie auf und lasst sie die Gemeinsamkeiten, statt Unterschiede wahrnehmen!
Ich tue es, indem ich mich oute und meine Freundin jedes Mal kurz küsse, wenn eine Schulklasse an uns vorbeiläuft. Vielleicht gebe ich da gerade einem jungen Menschen den Mut, den er braucht um zu sich selbst zu stehen. Vielleicht nehme ich einem möglichen Mobbing-Täter Gründe und Vorurteile. Vielleicht verändere ich gerade im ganz Kleinen die Welt. Wenn nicht, dann habe ich wenigstens eine wunderschöne Frau geküsst. Wenn das nicht der allerbeste Grund für einen Kuss ist.

 

 

2 Gedanken zu „Trage ich als Femme Lesbe eine gesellschaftliche Verantwortung?

  1. karen horwege sagt:

    dein text gefällt mir gut. ich habe mich da nach meinem Outing eher angepaßt. sicher hat es zu der zeit, das war so ende der 70iger jahre auch femmes gegeben, die auf andere femmes standen, aber zu der zeit gab es entweder orte für Lesben, die in lila Latzhosen aus der Frauenbewegung gesprungen waren – dazu gehörte auch ich, mehr oder weniger – davor habe ich nichts mit Frauen gehabt. bei den sogenannten bewegungslesben gab es auch absolut feminine Frauen, die manchmal auch auf gleiches/ähnlihes standen.
    oder es gab die sogenannten ur-Lesben, die waren dann alle kurzhaarig, androgyn – oder aber auch, es gab die andee Szene mit femmes und kessen Vätern und deutschen schlagern, wie hier in hh in den ika stuben gelebt wurde oder auch in einem lokal in der nähe vom Steindamm/Kreuzweg.
    na ja, wie frau sieht – es gab da auch die totale Vielfalt.

    • Gunda sagt:

      Hej Karen, vielen Danke für deine lieben Worte. Es ist interessant zu lesen, wie jede Generation ihre eigenen Wörter für die unterschiedlichen Typen an Lesben hat 🙂 Ich denke auch, dass es diese Vielfalt schon immer gab.. Wir sollten sie nur anderen selbstbewusster zeigen 🙂

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