Von der Notwendigkeit lesbischer Freundschaften

Freundschaft wird folgendermaßen definiert: „auf gegenseitiger Zuneigung beruhendes Verhältnis von Menschen zueinander“. Gerne auch mit abgeschmackten Sprüchen wie „Freunde sind die Familie, die man sich selbst aussucht“ oder „Freundschaft trocknet die Tränen, die Liebe verursacht“. Wie sehr einem bei solch schmalzigen Sprüchen schlecht werden will oder auch nicht, bleibt jedem selbst überlassen. Dass Freundschaften ein wichtiger Teil unseres Lebens sind, kann aber niemand abstreiten. Freunde sind uns ähnlich und in uns bereichernden Eigenschaften unterschiedlich. Jeder braucht welche und jeder bemüht sich ab und an um neue Freundschaften. Und dann gibt es da noch die Lesbenfreundschaften, die sich in ihrer Gesamtheit die „Szene“ nennt.

Die Szene und wir

Abschätzig reden wir über die „Szene-Mädels“, belächeln sie, werfen ihnen Dramen und Inzest im Stil der geskripteten Realityshows à la RTL  vor. Immer dieselben Partys, immer dieselben Frauen. Immer heult irgendwo eine, während eine andere sonst was treibt oder mit sonst wem auf der Toilette. Manchmal kommt es dir so vor, als hätte jede zweite dieser Frauen eine Persönlichkeitsstörung, keinen Schulabschluss, Kleidung aus der Jungen-Abteilung oder tausende von Tattoos. Und dazu noch einen fürchterlichen Kurzhaarschnitt inklusive schlecht gefärbter Partien. Die Szene kann einem wie das schlimmste Klischeesammelbecken am Rande eines Klärwerks vorkommen. Woran du sie erkennst? Abgesehen von ihrem klischeehaften Äußeren werfen sie dir ihre erhebende Homosexualität mitten ins Gesicht und das auch noch, ohne eine politische oder gesellschaftliche Agenda zu verfolgen. 

Eines belächeln wir aber nicht: den unverwundbaren Kern der Freundschaften dieser Frauen.  

Meine Freundinnen

Ich bin gesegnet mit tollen Freundinnen, sie sind die Kriegerinnen an meiner Seite. Kluge Frauen, die alle auf ihre Weise die Welt verändern werden. Sie sind Kindheitsfreundinnen, Kommilitoninnen, Studentenwohnheim-Buddies, Saufkumpaninnen, ehemalige und wieder Mitbewohnerinnen. Wir diskutieren von Mode über Gesellschaft und Politik bis hin zu Träumen und Ängsten. Und sie sind alle heterosexuell.

Sie haben mich wahnsinnig toll auf meinem Weg zu mir selbst begleitet. Haben mich in den Arm genommen, mich nachts getröstet oder einfach nur trocken kommentiert, dass ich nicht die Schuhe der Frauen in mein Zimmer mitnehmen müsse, sie wüssten, dass ich „Damenbesuch“ habe. 

Les be friends

Trotzdem war es schwierig, meinen Schock des Privilegien-Verlustes, das Gefühl einer zweiten Pubertät, Gender-Brüche, das Coming-out, Diskriminierungserfahrungen sowie Sorgen und Gedanken eines solch speziellen individuellen Themas zwar mit Verbündeten, aber nicht Betroffenen zu besprechen. Ist es nicht total verrückt, sich speziell homosexuelle Freundinnen zu wünschen?

Ein wenig schon, andererseits hätte ich mir sicherlich mit einem  früheren Coming-Out automatisch queere Freunde in der Schule oder Universität gemacht. Wie so oft im Leben zerbricht man sich unnötigerweise den Kopf.

Denn ich traf von ganz alleine auf kluge, tolle und queere Frauen. Freundschaften entsprangen aus kurzen Affären und Dates. Entstanden sogar über Lesarion oder tatsächlich aufgrund der Vermittlung meiner Mitbewohnerin: „Hey, meine neue Kollegin ist lesbisch.  Ihr solltet zusammen feiern gehen!“. Meine liebste lesbische Freundin konnte mich sogar am Anfang nicht leiden. Wir dateten dieselbe Frau. Diese ist schon längst vergessen, aber mein Ozelot bleibt hoffentlich für sehr lange.

Diese Frauen teilen mit mir sehr persönliche Erfahrungen und Gefühle, die mir ein Kompass fernab von der Heteronormativität sind. Sie himmeln mit mir Anne Will an, lästern über die Szene, schauen „The L Word“, geben Film- und Buchtipps, planen den nächsten CSD und sind meine ständigen Begleiter auf den Lesben-Partys.

Sie machen, dass sich die Welt da draußen etwas wärmer und lesbischer für mich anfühlt. Sie machen, dass ich in diese Welt passe.

Das interessanteste Thema teilen wir natürlich auch: Sex. Wie man sich trotz ihrer Bauchlage und G-Punkt Stimulation, nicht das Handgelenk bricht, dass die Dauer und Bereitschaft des Leckens trotz kratzigem Intimbereichs exponentiell zu ihrer Attraktivität steigt, wie viel Sex allgemein von seiner Freundin zu erwarten ist, was wie und wo während der Periode, die Definition von „Sex“, Bottom oder Top, Spielzeug: welches und wie, Dominanzverschiebungen beim Sex und noch so manche nicht öffentlichkeitstauglichen Themen. 

 Am Ende zählt nur der Charakter

Je länger ich geoutet lebe,  desto mehr rückt die Sexualität wieder in den Hintergrund. Das wichtigste ist, dass ich meinen Freundeskreis nicht aufteile. Ich mache keine „hetero“ oder „homo“ Weinabende. Hier gebührt übrigens ein großer Dank all meinen Hetero Freundinnen, die durch ihre ständige Begleitung zu den Frauenparties quasi stille Unterstützerinnen sind und uns so manches Mal mit ihren Reaktionen zum Lachen bringen. Mir fällt es einfach nicht mehr auf, wie manche Lesben rumrennen oder wenn sich zwei Frauen kabbeln. Andersrum gibt es nichts Besseres für das Ego einer Frau, als wenn eine andere tolle Frau ihr ein Getränk ausgibt, egal welche sexuelle Orientierung sie hat. Wie in jedem Freundeskreis, hat man mal mehr und mal weniger spezielle Freunde für bestimmte Themen. Ich vermenge meine Freunde miteinander, sie bereichern sich gegenseitig und letztendlich haben sie das wichtigste gemeinsam: sie sind alle kluge, witzige Frauen, die ich sehr liebe.

Dass da welche dabei sind, die wissen, wie man einen Strap-on benutzt, ist ein feiner kleiner Bonus.   Also liebt eure Freundinnen, sie sind das Wichtigste, was ihr habt, und ab und an sollten wir es ihnen auch sagen:

Ein Gedanke zu „Von der Notwendigkeit lesbischer Freundschaften

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